An Zweige geknotete Omikuji-Orakelzettel

Wer durch Japan reist, besucht früher oder später unzählige Schreine und Tempel. Auf den ersten Blick sehen sie sich oft ähnlich, doch sie gehören zu zwei verschiedenen Religionen: Schreine zum Shintō, Tempel zum Buddhismus. Hier die wichtigsten Unterschiede und wie man sich jeweils verhält.

Großes rotes Torii am Zugang zu einem SchreinZwei Religionen, ein Land

Shintō (jap. 神道 | しんとう), der „Weg der Götter“, ist die ursprüngliche Religion Japans. Verehrt werden die Kami (jap. 神 | かみ): Gottheiten, Ahnen und Naturkräfte, die in Bergen, Bäumen, Felsen oder Wasserfällen wohnen können. Ein Schrein heißt Jinja (jap. 神社 | じんじゃ).

Der Buddhismus (jap. 仏教 | ぶっきょう) kam im 6. Jahrhundert über Korea (jap. 韓国 | かんこく) und China (jap. 中国  | ちゅうごく) nach Japan. Ein Tempel heißt Tera oder O-tera (jap. お寺 | おてら).

Über viele Jahrhunderte wurden beide Religionen miteinander vermischt (jap. 神仏習合 | しんぶつしゅうごう). Oft standen Schrein und Tempel auf demselben Gelände. Erst 1868 ließ die Meiji-Regierung sie offiziell trennen. Bis heute sagen viele Japaner, sie seien beides: Geburt und Hochzeit feiert man gern im Schrein, Beerdigungen finden meist buddhistisch statt.

Steinlaterne zwischen roten ToriiWoran man den Unterschied erkennt

  • Am Namen: Schreine enden auf -jinja, -jingū oder -taisha, etwa Fushimi Inari-taisha. Tempel enden auf -ji, -dera oder -in, etwa Tōdai-ji oder Kiyomizu-dera.
  • Am Tor: Das Torii (jap. 鳥居 | とりい), meist ein rot-oranges Holztor, steht nur vor Schreinen. Es markiert den Übergang in den heiligen Bereich. Tempel haben dagegen ein überdachtes Tor (jap. 山門 | さんもん), oft mit zwei grimmigen Wächterfiguren, den Niō (jap. 仁王 | におう).
  • An den Wächtern: Vor Schreinen sitzen meist zwei Komainu (jap. 狛犬 | こまいぬ), löwenähnliche Hunde. An Inari-Schreinen sind es Füchse, die Boten der Gottheit Inari.
  • An Räucherwerk und Statuen: Buddha-Statuen, Pagoden und große Räuchergefäße findet man nur in Tempeln. In Schreinen wird kein Räucherwerk verbrannt.

Richtig verhalten

Am Eingang beider Anlagen steht ein Reinigungsbrunnen (jap. 手水舎 | ちょうずや). Dort nimmt man die Schöpfkelle mit der rechten Hand und spült die linke Hand ab, dann wechselt man und spült die rechte. Anschließend gießt man etwas Wasser in die linke Hand und spült damit den Mund aus, aber nie direkt aus der Kelle trinken. Zum Schluss die Kelle senkrecht halten, damit das restliche Wasser über den Griff läuft.

Reinigungsbrunnen mit Schöpfkellen und BlütenIm Schrein: Eine Münze in den Opferkasten (jap. 賽銭箱 | さいせんばこ) werfen, die Glocke läuten, dann zweimal verbeugen, zweimal in die Hände klatschen, kurz beten und sich noch einmal verbeugen. Die Regel heißt Nirei-nihakushu-ichirei (jap. 二礼二拍手一礼 | にれいにはくしゅいちれい).

Im Tempel: Ebenfalls eine Münze geben und sich verbeugen, aber nicht klatschen. Stattdessen legt man die Hände leise aneinander. Wer möchte, zündet ein Räucherstäbchen an und fächelt sich den Rauch zu. Er soll Körper und Geist reinigen.

Generell gilt: Den Weg in der Mitte (jap. 正中 | せいちゅう) überlässt man den Göttern, man geht also seitlich. Innenräume betritt man ohne Schuhe, und in vielen Hallen ist Fotografieren verboten.

Omamori, Omikuji und Ema

In fast jedem Schrein und vielen Tempeln kann man kleine Glücksbringer kaufen:

  • Omamori (jap. お守り | おまもり) sind kleine Stoffbeutel mit einem Segen darin, zum Beispiel für Gesundheit, Prüfungen, sichere Reisen oder die Liebe. Man öffnet sie nie und bringt sie nach etwa einem Jahr zurück.
  • Omikuji (jap. おみくじ) sind Orakelzettel, die man zieht. Ein gutes Ergebnis nimmt man mit, ein schlechtes knotet man an ein Gestell oder einen Baum auf dem Gelände und lässt das Pech dort zurück.
  • Ema (jap. 絵馬 | えま) sind kleine Holztafeln, auf die man seine Wünsche schreibt und aufhängt.

Große Buddha-Statue im Tōdai-ji in NaraEin schönes Andenken ist außerdem das Goshuin (jap. 御朱印 | ごしゅいん), ein handgeschriebener Stempel mit Kalligrafie, den man gegen eine kleine Gebühr in ein spezielles Büchlein eintragen lassen kann.

Bekannte Beispiele

Zu den berühmtesten Schreinen gehören der Fushimi Inari-taisha in Kyoto mit seinen tausenden roten Torii und der Itsukushima-Schrein auf Miyajima, dessen Torii bei Flut im Meer zu schweben scheint. Bekannte Tempel sind der Tōdai-ji in Nara mit seiner riesigen Buddha-Statue und der Sensō-ji in Tokio. Mehr dazu in meinen Reiseberichten zu Nara & Kyoto, Hiroshima und Tokio.

Auch auf Okinawa findet man Schreine, etwa den Naminoue-Schrein, der in Naha direkt über dem Meer auf einer Klippe thront. Und wer wissen möchte, wie ein buddhistischer Tempel außerhalb Japans aussieht, wirft einen Blick auf den Lungshan-Tempel in Taipeh.

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